Verliebt vs. Liebe

Manch einer wird zweifelnd fragen ‚Was ist der Unterschied‘. Berechtigte Frage! Liebe scheint in der menschlichen Wahrnehmung die Steigerungsform von ‚verliebt‘ zu sein. Mit Nichtem! Es sind völlig verschiedene Zustände die kaum oder gar nicht miteinander vergleichbar sind. Wer den Unterschied einmal verstanden hat, wer zwischen den beiden unterscheiden kann hat die Erklärung dafür, warum Beziehungen scheitern. ‚verliebt‘ zeichnet ein für mich ideales Bild eines Menschen in meinem Hirn. Ich sehe nicht ihn sondern ein Bild, dass ich in meinem Kopf selber konstruiert habe. Jede Diskrepanz, die in der Realität dazu führen würde uns von diesem Menschen abzuwenden, wird standhaft ignoriert. Wir orientieren uns ausschließlich an dem Bild und ausdrücklich
nicht an der Realität. Das ist uns auch vollkommen bewusst! Warum ist das so? Der signifikante Unterschied zu allen anderen Lebewesen auf diesem Planeten ist unser Bewusstsein; unser Denken. Das bringt uns dazu, Menschen, potentielle Partner rational zu werten. Wir bewerten das Aussehen genauso wie den gesellschaftlichen Status oder die materiellen Rahmenbedingungen – eine evolutionäre Folge unserer gesellschaftlichen Entwicklung, die noch keiner richtig erkannt hat. Weil wir rational sind, sind wir da, wo wir jetzt sind. Und hier gelten eben andere Gesetzmäßigkeiten wie im Wald. Hier ist der Stärkere, der den besseren materiellen Unterbau hat und nicht der mit der größten Muskelmasse. Die Rahmenbedingungen haben sich grundlegend geändert. Doch jemanden danach rational zu beurteilen widerstrebt uns – obwohl es im realen Leben eigentlich ziel führend wäre. Doch nicht nur Materielles steht im Fokus. Durch unser Denken bilden sich Vorlieben, Abneigungen, unterschiedliche Positionen und Meinungen; bildet sich Charakter. All das müsste beim ‚Verlieben‘ einfließen und auch bewertet werden. Ein schier unlösbare Aufgabe. Deshalb sehen wir lieber unser selbst gebasteltes Ideal als das wir uns mit der Realität abgleichen. Wir verlieben uns in ein Bild. Ein Bild kann man aber nicht lieben – es ist nur ein Bild. Der Vorgang wird durch eine emotionale Hormonflut flankiert, die es ermöglicht, alles Negative zu ignorieren oder zumindest zu tolerieren. Etwas, das es nirgends sonst in der Natur gibt. Sozusagen ein Alleinstellungsmerkmal unserer Art. In der Natur ist es auch dieser gestiegene Hormonspiegel der Tiere dazu bringt sich zu paaren. Dort aber gibt es ausschließlich Triebe und Intuition. Hier läuft das ganz anders:
Ein Bulle nimmt durch ganz profane Signale wahr, die Kuh ist paarungsbereit. Er schafft sich seine Nebenbuhler von Hals und besteigt die Kuh – aus – Ende – fertig! Biochemisch belegt.
Funktioniert bei uns Menschen nicht oder nicht mehr. Jetzt könnte der Einwurf kommen, bei Prostituierten geht es ganz ähnlich zu. Das stimmt nicht, weil die Hure eben nicht trieb gesteuert agiert sondern zu tiefst rational – sie verdient schlicht und ergreifend ihren Lebensunterhalt mit Sex. So was gibt es bestenfalls wenn beim Homo sapiens die Ratio künstlich abgeschaltet wird – bei der Betriebsweihnachtsfeier zum Beispiel.
Wenn unsere Ratio wieder erwacht ist, empfinden wir Reue und Scham. Dabei ist nichts anderes passiert als bei den weiter oben erwähnten Rindviechern – wir haben uns gepaart so wie es die Natur ursprünglich vorgesehen hat. Das ist ein sehr schönes Beispiel dafür, dass ‚verliebt‘, ‚Liebe‘ und ‚Sex‘ im Grunde rein gar keinen kausalen Zusammenhang haben. Allein die Tatsache das es so etwas wie Liebe in der Tierwelt
nicht gibt, wohl aber Sex, unterstreicht diese These recht anschaulich.
Unser Hormonspiegel sinkt irgendwann Richtung ’normal‘ und dann wird sich das Bild im Kopf auflösen. An die Stelle tritt dann ganz allmählich die Person, in die wir verliebt waren. Ganz ausdrücklich ‚waren‘ – verliebt ist jetzt vorbei. Und das bedeutet eben nicht automatisch, dass wir diese Person jetzt lieben. Im Gegenteil – jetzt fangen wir überhaupt erst an, diese Person kennenzulernen. Vorher war ja nur das Bild da!
In dieser Phase stellt sich heraus wie viel rationale Schnittmenge tatsächlich vorhanden ist. Reicht die nicht aus, ist die Beziehung zum scheitern verurteilt. Aber auch emotionale Schnittmengen sind Voraussetzung. Über welche Dinge man gemeinsam lacht, was stimmt beide traurig, was machen wir gerne und was nicht….könnte man ins unendliche fortsetzen.
Nur wenn wirklich alles passt kann so etwas wie Liebe entstehen.
Eine sehr renommierte Wirtschafts- Profilerin hat die These aufgestellt, erst nach mindestens anderthalb Jahren sollte man Führungskräfte in die wirklich essenziellen Dinge einer Firma einweihen. Ich behaupte jetzt mal, das wird bei zwischenmenschlichen Beziehungen nicht reichen.
Verliebt könnte man gleichsetzen mit ‚geil‘ oder ‚läufig‘. Etwas trieb gesteuertes, das es überall in der Natur gibt. Liebe gibt es nur bei uns Menschen. Und daraus folgt die logische Schlussfolgerung, dass Liebe etwas mit unserm Alleinstellungsmerkmal zu tun haben muss – mit unserem Denken. Liebe ist also etwas, das durchaus rationale Aspekte
hat. Das sollte man…. nein – das MUSS man wissen!

Stimme

Da ist eine Stimme ganz tief, ganz leise nur knapp über der Wahrnehmungsschwelle. Sie ruft nach etwas, was man mit Worten nicht beschreiben kann. Es ist etwas, das fehlt, etwas was man wirklich braucht. Nicht wie Klamotten, ein tolles Auto oder ein schönes Haus – eher so was wie die Luft zum atmen. Etwas, dass man nicht kaufen kann, nichts materielles. Man bekommt es nirgends auf Erden, weder umsonst noch für alles Geld der Welt. Es ist etwas, dass es nur als Geschenk gibt.
Die Stimme ruft und ruft und ruft. Außer der Verstand brüllt dazwischen :

“ Halt die Fresse, halt endlich deine Fresse „.

Dann verhallt die Stimme für eine Weile – denkt man. In Wirklichkeit wird sie nur übertönt – DA ist sie immer. Der Verstand ist bestimmend, führend, macht immer alles richtig. Er ist wie eine zu Tale stürzende Gerölllawine, tosend, mächtig und unaufhaltsam – bis sie unten angekommen ist. Dort fließt ein Bach. Und früher oder später ist von der Lawine nichts mehr übrig. Einfach pulverisiert, weg gespült. So wie der Bach immer fließt, erhebt sich immer auch leise die Stimme. Ihre Macht liegt nicht in der Kraft, der Gewalt (auch das kann sie) – es ist ihre Stetigkeit. Natürlich kann man dem Verstand den Vorzug geben und ihn brüllen lassen – Tag ein Tag aus. Das Gefühl, die Stimme ruft trotzdem unermüdlich, wird man deshalb nicht los. In den stillen Momenten verschafft sie sich säuselnd Gehör. Dann fragt man sich, ob man das, was einem fehlt jemals besaß und es verloren ging, oder ob es nie da war und nur ein Hormoncocktail, gepaart mit einer ordentlich Portion Selbsttäuschung die Stimme für eine ganze Weile narkotisiert hat. In dem Moment, wo man sich diese Frage stellt ist klar, das letztere trifft zu. Die Stimme hört nur einmal wirklich auf zu rufen und sie fängt nie wieder damit an.

Das nennt man ‚vollkommen‘.

Viele fragen sich, was eigentlich fehlt. Das ist die falsche Frage. Die wird erst beantwortet, wenn man gefunden hat was fehlt. Die richtige Frage wäre, warum die Stimme wieder ruft. Die Zeit kommt, an der sie lauter wird. Klar und deutlich ist sie wahrnehmbar und man versteht sie jetzt auch. Es ist kein vages Gefühl mehr sondern fast schon Gewissheit – man könnte meinen, der Verstand spricht. Das Bächlein im Tale wird zum reißenden Strom. Rein emotional ist man auf etwas gestoßen, dass dem sehr nahe kommt, wonach unsere Stimme immerzu ruft. Nicht zufällig geht dem immer eine sehr lange Phase des Annäherns voraus. Anfangs völlig frei von Emotionen setzt sich ganz ganz langsam ein Bild zusammen – wie ein Mosaik. Es bekommt stetig neue Facetten. Das Bild wird nie final sein. Immer wieder wird man von Neuem, das man so vielleicht nicht erwartet hat, überrascht. Erst viel später wird die Stimme lauter. Sie lässt sich dann vom Verstand nicht mehr so einfach übertönen.
Jetzt spricht unser Unterbewusstsein; blumig ausgedrückt unser Herz, wir denken nicht mehr, wir fühlen. Dann tun wir meist das Richtige. 9 von 10 Entscheidungen treffen wir unterbewusst, emotional und so gut wie immer korrekt. Die Erfolgsquote des Verstandes dagegen ist ärmlich. In dieser Phase emotionaler Entscheidungen tut man Dinge, für die sich der Verstand schämt. Für die er sich zwanghaft Erklärungen zurecht legen muss.
So lang noch nichts ausgesprochen ist, nichts konkret wurde, wechseln sich emotionale und rationale Phasen ab – Kopfkino pur. Wenn es dann aber wie aus heiterem Himmel ernst wird, feuert er seine Salven ab. Das Räderwerk zwischen den Ohrwascheln rattert auf Hochtouren, konstruiert die heftigsten Horrorszenarien, was denn alles passieren könnte wenn wir auf diesem Weg fortschreiten und stellt auch gleich die passende Gegenstrategie bereit. Die wirkt wenig überzeugend und in unserem Innersten wissen wir das auch.

Dabei ist klar – die Stimme wird nicht verklingen – sie hat immer den längeren Atem.

NVA

Ein kleiner Erlebnisbericht aus NVA Zeiten

 

Wenn sich ehemalige Angehörige der Streitkräfte der DDR übern Weg laufen gibt es immer wieder die eine oder andere lustige Geschichte zu hören. Bemerkenswert hier ist die Tatsache, dass es ausschließlich lustige
Geschichten sind. Das liegt am menschlichen Erinnerungsvermögen; genauer gesagt, wie es sich selber ausdünnt. Unangenehme Erinnerungen werden wesentlich früher gelöscht als angenehme. Deswegen trauern wir so gerne der ‚guten alten Zeit‘ hinterher. In Wirklichkeit ist es so, dass es uns nie besser ging als heute. Da wir aber fast nur gute Erinnerungen haben, hat die Realität keine Chance gegen die strahlend glänzende
Vergangenheit.

Ich sag immer: „Die gute alte Zeit, der wir in 20 Jahren nachtrauern,
ist genau jetzt!“

Zurück zum Thema:
Der Rekrut als angehöriger der Faust des Arbeiter- und Bauernstaates kam von Zeit zu Zeit in den Genuss, Ausgang zu erhalten. Der ging i.a.R. von Dienstschluss bis 24:00 Uhr. Das nahm aber keiner so genau. Der Ausgang diente vornehmlich dazu, sich mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln die Birne voll zu knallen. Zweckdienlich hierzu waren gastronomische Einrichtungen jeglicher Art. Hatte man die Wahl, wurde die ausgesucht, in der die Kellnerin die größte Oberweite hat. Und was wurde da am nächsten Morgen alles verkündet. Wer mit wem in welcher dunklen Ecke versaute Sachen machte. Ein Blick auf die jungen Leute am nächsten Morgen ließ dann nur einen Schluss zu: Alles Ausgeburten einer
schmutzigen Phantasie und pures Wunschdenken. In Wirklichkeit konnte der sich noch nicht mal aus eigener Kraft ausziehen.

Eines schönen Nachmittags entschlossen sich mein Armeekumpel und ich mal was ganz anderes zu machen – im Ausgang. Wir beschlossen, Zivilklamotten mit zu nehmen. Mit der Trachtenvereinsuniform hatte man bei der weiblichen Klientel überhaupt keine Chance. Die reden nicht mal mit einen. Lediglich die etwas dicklichen, hässlichen und nicht besonders Gescheiten würden sich mit einem Soldaten einlassen – war mir aber zu eklig.

Gesagt getan – raus aus dem Kapuff und rein in die Jeans. Ab in’s Bauhaus; einem angesagten Nachtclub. Dort wurde dann gebaggert was das Zeug hielt. Im besagten Bauhaus, als einzige Location in der Stadt,
gab’s mein Lieblingsgetränk ‚Manhattan‘. Eine Mischung aus einem Drittel Whisky (40%) und 2 Dritteln Wermuth (16 %), dazu noch ne Olive und einen Spritzer einer mir unbekannten Flüssigkeit; das alles in einem ziemlich großen Bottich. Auf alle Fälle haut das Zeug derartig rein, dass man sich beeilen muss, die wichtigsten Informationen noch schnell
abzuspeichern. Dauert gar nicht lange, da geht es schon los. Partielle
Störungen des Sprachzentrums. Die junge Dame, die ich gerade am Wickel hab, schaut mich nur noch fragend an und geht. Bald darauf
sitzt die nächste neben mir. Ich bestell ihr einen Drink und versuche
erneut eine ziel führende Kommunikation mit ihr aufzubauen. Ziel führend bedeutet in dem Zusammenhang ‚horizontal‘.Das böse Erwachen ist nicht weit – das Sprachzentrum hatte sich nicht erholt. Im Gegenteil –
Totalausfall. Bis auf ein paar Fragmenten menschlicher Sprache, die ich
selst nicht deuten kann, kam nichts mehr raus. Irgendwie auch logisch –
inzwischen ist ja auch der dritte Manhattan drin. Für diesen Abend
musste man das Gefechtsziel wohl als gescheitert erklären. Mein Kumpel
sah das auch so – denk ich jedenfalls – artikulieren konnte auch er sich
nicht mehr.

So traten wir den Heimweg an, mit Umweg durch einen kleinen Park.
Schließlich mussten wir ja raus aus den zivilen Sachen und wieder rein
in die Tracht. Dieses Unterfangen führte aber nur zum Teil zum Erfolg.
Mütze und Jacke waren problemlos. T-Shirt und Hose hingegen waren in
diesem Zustand unüberwindliche Hindernisse. Kurzer Hand entschieden wir uns einfach so zurück zu gehen. Ein wahres Glück, dass uns der
diensthabende Offizier so nicht gesehen hat. Wäre im Knast geendet.
Ein Foto von diesem Einmarsch würde ich mir was kosten lassen….